Onkel Otto (166)
Heute ist der 166. Geburtstag meines Urgroßonkels Otto Wenzel, der am 30. Dezember 1840 in Crossen an der Oder geboren wurde und am 7. Februar 1929 in Berlin-Friedenau starb. Leider ist es mir bisher versagt geblieben, eine umfassende Biographie Onkel Ottos zu verfassen. Ich will aber nicht versäumen, heute den Nachruf von Monty Jacobs in meinem blog zu veröffentlichen, der in der Nummer 65/1929 der Vossischen (Abendausgabe vom 7. Februar 1929) erschien:
Dr. Otto Wenzel +
Nicht der Grippe ist er erlegen, der “alte Wenzel”, der Grippe, deren Bekämpfung durch Rotwein er noch vor wenigen Tagen durch sein praktisches Beispiel befürwortet hat. Ein Schlaganfall hat ihn heute niedergestreckt, und seinen Freunden ist es ein Trost, daß der 88jährige schmerzlos, von allen bösen Plagen des Siechtums verschont, entschlafen ist. Der “alte Wenzel”, so nannten ihn seine Kollegen aus beiden Lagern seiner Berufsgenossenschaft, die Chemiker wie die Journalisten. Aber bei jeder Begegnung mußtem sie ihrem Senior ohne Schmeichelei bestätigen, wie jung, wie elastisch er durch Berlins Straßen schritt. Dieser schlanke Herr mit dem gütigen Gelehrtenkopf schien nun einmal der Zeit zu spotten, aber keineswegs prahlerisch, durchaus nicht kokett, sondern als ob es etwas Selbstverständliches wäre, daß ein Zeitgenosse Lasalles auch unser Zeitgenosse wäre. Er antwortete höchstens mit seinem Diplomatenlächeln, als ob er sagen wollte: Seht zu, ihr jungen Leute, wie ihr es fertig bringt, mit nachzueifern.
Als Journalist hatte Otto Wenzel angefangen, in Guido Weiß’ Zukunft und in der alten Spenerschen Zeitung. Als Freiwilliger war er mitmarschiert in den Feldzug von 1870 hinein. Nach der Heimkehr hatte er, der akademischen Ausbildung nach ein Mathematiker, sich der chemischen Industrie zugewandt. Ihre Berufsgenossenschaft hatte er gründen helfen, und Jahrzehnte lang war er ihr Direktor, gleichzeitig der Generalsekretär des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie. Aber immer wieder führte ihn seine Neigung der Schriftstellerei und den Schriftstellern zu. Als Assistent von Georg Siemens leitete er das statistische Büro der Deutschen Bank. Damals schrieb er eine “Geschichte der sozialen und kommunistischen Bewegungen”, und in einer Reihe von Fachschriften hat er seinen chemischen Berufsgenossen wichtige Nachschlagswerke geschaffen. Den Journalisten aber blieb er ein Freund und seiner ganzen Sinnesart nach konnte sich Freundschaft nur durch praktisches Helfen erweisen. In diesem Sinne war er dem Verein Berliner Presse ein Freund. Jahrzehnte hindurch verwaltete er als Schatzmeister die Finanzen des Vereins, und im Vorstand wie in den Versammlungen, die er mit vorbildlichem Eifer besuchte, blieb seine Autorität so ungeschwächt wie seine Rednerstimme. Selbst ein Straßenunfall konnte ihn an der Ausübung seines letzten Ehrenamtes nicht verhindern, als er bereits das 88. Lebensjahr vollendet hatte.
Daß die philosophische Fakultät der Universität Greifswald ihn am 80. Geburtstag zum Ehrendoktor ernannt hat, war der Ausdruck der allgemeinen Achtung und Wertschätzung, die Otto Wenzel genoß. Die Generation, die mit seinen Nerven ungefochten die Jahrzehnte überdauerte, stirbt allmählich aus. Als ihr Repräsentant wird der Ehrenmann und Ehrendoktor Otto Wenzel noch lange lebendig bleiben, wenn seine Berufsgenossen den Rat eines Alters vermissen werden, das seine Erfahrungen nicht durch Versteinerung erkauft hat.
Trotz dieses schönen Nachrufes kann sich der Historiker in mir nicht versagen, anzumerken, daß die Verleihung der Ehrendoktorwürde nicht zum achtzigsten Geburtstag erfolgte, sondern erst am 25. Juli 1922. Monty Jacobs verstarb übrigens einen Tag vor Onkel Ottos 105. Geburtstag in London.
Abgelegt unter: Familienforschung RöhlingPosted By: Markus




