Dienstag, 17. Juni 2008 11:44 pm
Heute mal ein paar grundsätzliche Überlegungen zur Verwendung historischer photographischer Verfahren.
Sofern Photographie mehr sein soll als die rein technische Dokumentation eines Sachverhaltes, wird die Wahl des beim Photographieren verwandten photographischen Verfahrens nicht nur von technischen, sondern auch von ästhetischen Gesichtspunkten abhängig sein.
Möchte man geschichtliche Gegebenheiten und Ereignisse photographisch darstellen, wird dies in erster Linie bedeuten, daß der Betrachter eines Bildes intuitiv den Eindruck haben soll, daß es sich nicht um eine “normale” Photographie des 21. Jahrhunderts handelt, sondern um eine wie auch immer geartete “historische” Aufnahme. Dieser Eindruck wird dabei zunächst unabhängig davon sein, ob es zur Zeit des dargestellten historischen Gegenstandes oder Ereignisse überhaupt schon Photographien gab. Solche Widersprüchlichkeiten werden dem Betrachter, wenn überhaupt, erst später bewußt werden. Abgesehen davon ist eine als historisch (empfundene) Photographie in jedem Fall dem Ereignis oder Gegenstand näher als eine moderne.
Das einfachste Mittel, einen solchen historischen Eindruck zu erzeugen, sind zweifellos die Schwarz-Weiß-Photographie und die Erzeugung eines braun- oder warmschwarzen Bildtones.
Meinem Empfinden nach ist es nun aber unehrlich oder zumindest ohne jeden ästhetischen Anspruch, einen solchen Eindruck etwa durch eine rein technische Umwandlung (sei sie nun digital oder analog) in ein braunschwarzes Bild auf modernen Materialien erzeugen zu wollen. Der gewünschte “historische” Bildeindruck sollte vielmehr durch die bewußte Verwendung historischer photographischer Prozesse und die technische und ästethische Auseinandersetzung mit ihnen erfolgen.
Was aber ist es nun, das uns beim Betrachten einer historischen Photographie deren Historizität vermittelt? Ich möchte dazu die folgenden Punkte auflisten:
- Schwarz-Weiß-Photographie, v.a. braun- bzw. warmschwarz.
- technische Unzulänglichkeiten (z.B. unscharf oder verwackelt).
- technische Beschränkungen (z.B. niedrigempfindliches Filmmaterial, (relativ) lange Verschlußzeiten, geringer Bildkreis der Objektive, geringe Schärfentiefe wegen langer Brennweiten beim Großformat, etc.)
- große Detailtreue (Großformat)
- üblicherweise nicht größer als 20×25 cm (Kontaktverfahren)
- orthochromatisches Negativmaterial und Einsatz von Gelb-, Orange- und Rotfiltern
- andere Grauwertübertragung im Positivverfahren
- historische Bildinhalte (z.B. Kleidung, Autos, Fuhrwerke, incl. Zustand (Gebäude üblicherweise nicht sämtlich frisch renoviert, etc.))
- haptische Anmutung (z.B. heute nicht mehr übliche Bildoberflächen/ Papiere)
Manche dieser Eigenschaften sind nun sicher nicht erstrebenswert, weil sie nicht in der Natur des Verfahrens liegen, sondern in dessen mangelhafter Umsetzung (z.B. technische Unzulänglichkeiten). Andere liegen ganz in der Hand des Photographen, unabhängig von Gerät und Verfahren (Auswahl des Bildinhaltes). Der ganz überwiegende Teil ist aber eine direkte Folge der angewandten photographischen Verfahren und kann nur teilweise und unvollkommen mit modernen analogen und/ oder digitalen Verfahren nachgeahmt werden.
Soweit diese Gedanken. Zur praktischen Umsetzung ein andernmal.
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Photographie Posted By: Markus